Wenn Sie im Bad oder in der Küche plötzlich schwarze Streifen an den Fugen zwischen Fliesen und Wanne sehen, ist das kein ästhetisches Problem - das ist ein Silikonfugen reißen und ein Warnsignal. Viele Hausbesitzer denken, das sei normal, besonders in alten Wohnungen. Doch das ist falsch. Risse in Silikonfugen sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis von falscher Verarbeitung, falschen Materialien oder beidem. Und sie führen nicht nur zu unschönen Fugen - sie führen zu Wasserschäden, Schimmel und teuren Reparaturen.
Warum reißen Silikonfugen eigentlich?
Silikon ist kein Kleber. Es ist ein elastisches Dichtungsmittel. Es soll sich mit der Bewegung der Bauteile dehnen und zusammenziehen - ohne zu reißen. Aber nur, wenn es richtig eingesetzt wird. Die häufigsten Ursachen für Risse sind:- Falsche Fugenbreite: Viele Installateure verfugen mit nur 1-2 mm Breite. Das ist zu wenig. Die ideale Breite liegt zwischen 5 und 15 mm. Bei zu schmalen Fugen kann das Silikon nicht genug dehnen - es reißt sofort.
- Keine Hinterfüllschnur: Fast jeder zweite Fehler entsteht hier. Eine Hinterfüllschnur aus geschlossenem Schaumstoff (10-20 mm Durchmesser) sorgt dafür, dass das Silikon nur an den Seiten haftet, nicht am Boden. So kann es sich frei bewegen. Ohne sie wird das Silikon in der Mitte gedrückt - und bricht.
- Falsche Fugentiefe: Die Tiefe sollte 50-100 % der Breite betragen. Bei 10 mm Breite also 5-10 mm Tiefe. Zu flache Fugen halten nicht, zu tiefe Fugen reißen leichter.
- Zu frühes Belegen: Wenn der Estrich noch nicht vollständig ausgetrocknet ist, sackt er nach. Die Fuge wird auseinandergerissen, weil der Boden sich bewegt, aber das Silikon schon fest ist.
- Schlechte Qualität oder falsches Produkt: Billiges Silikon hat eine Dehnbarkeit von nur 25-50 %. Hochwertiges Silikon kann bis zu 300 % dehnen. Wer das nicht weiß, kauft das Falsche.
- Aggressive Reinigung: Scharfe Putzmittel mit Chlor oder Säure zersetzen das Silikon innerhalb von Wochen. Das ist kein Mangel - das ist Fahrlässigkeit.
Ein Studie der Technischen Universität München (2022) zeigt: Wer eine Hinterfüllschnur verwendet und hochwertiges Silikon nimmt, verlängert die Lebensdauer von 5 auf 10-12 Jahre. Ohne diese Maßnahme - selbst bei teurem Silikon - reißen die Fugen nach 3-5 Jahren.
Warum Silikon trotzdem das Problem ist
Silikon ist nicht per se schlecht. Es hat klare Vorteile: Es ist wasserdicht, flexibel und verträgt Temperaturschwankungen. Aber es hat auch Nachteile, die viele ignorieren.Im Vergleich zu zementären Fugenmassen:
| Merkmale | Silikon | Zementäre Fuge |
|---|---|---|
| Dehnbarkeit | 25-300% | 5-10% |
| Lebensdauer | 5-10 Jahre | 15-20 Jahre |
| Kosten pro Meter | 8-12 € | 4-7 € |
| Reinigungsfähigkeit | Anfällig für scharfe Reiniger | Sehr widerstandsfähig |
| Schimmelbildung | Häufig, wenn nicht antimykotisch | Selten, wenn richtig verarbeitet |
| Verarbeitung | Einfach, schnell | Zeitaufwendig, muss abgeschliffen werden |
Die Württembergische Versicherung dokumentiert: 78 % aller Wasserschäden in Bädern kommen von undichten Silikonfugen. Bei zementären Fugen sind es nur 12 %. Warum? Weil Silikon, wenn es falsch verarbeitet wird, nicht hält. Und weil es bei Beschädigung nicht reparierbar ist - man muss es komplett entfernen.
Wann ist es ein Baumangel?
Ein Riss in der Silikonfuge ist kein „normales Verschleißphänomen“. Laut Dipl.-Ing. Thomas Holzmann von Holzmann-Bauberatung (2022) ist es immer ein Mangel, wenn er innerhalb der gesetzlichen Gewährleistungsfrist von zwei Jahren auftritt. Das gilt auch, wenn der Bauträger sagt: „Silikon ist eine Wartungsfuge.“ Das ist kein rechtlicher Hinweis - das ist ein Versuch, Verantwortung abzuschieben.Wenn Sie in einem Neubau wohnen und nach einem Jahr Risse sehen - besonders an den Anschlüssen zwischen Wand und Boden - dann ist das kein Zufall. Das ist ein Installationsfehler. Die DIN 18540-2:2011-08 schreibt vor, wie Fugen richtig herzustellen sind. Wer das ignoriert, macht einen Baumangel.
Der Haus & Grund Verband (2023) bestätigt: Wer den Mangel nicht innerhalb der Gewährleistungsfrist behebt, muss die Reparatur bezahlen - auch wenn es nur die Fuge ist. Viele Bauherren wissen das nicht. Sie akzeptieren die Risse, weil der Handwerker sagt: „Das kommt vor.“ Aber das kommt nicht vor - wenn alles richtig gemacht wurde.
Wie Sie Silikonfugen richtig neu verfugen
Wenn die Fuge gerissen ist, hilft kein Überstreichen. Sie muss komplett neu gemacht werden. Hier ist der korrekte Prozess:- Alte Fuge vollständig entfernen: Nutzen Sie einen Fugenkratzer oder eine Fugensäge. Entfernen Sie alles - auch die Reste im Fugenboden. Nichts darf übrig bleiben. Sonst haftet das neue Silikon nicht.
- Gründlich reinigen: Nutzen Sie einen pH-neutralen Fugenreiniger (pH 7,0). Kein Essig, kein Bleichmittel. Spülen Sie mit klarem Wasser und lassen Sie mindestens 24 Stunden trocknen. Feuchtigkeit unter der neuen Fuge = Schimmel.
- Hinterfüllschnur einlegen: Wählen Sie eine geschlossenzellige Schaumstoffschnur mit 10-20 mm Durchmesser. Drücken Sie sie so tief in die Fuge, dass sie 50-70 % der Tiefe ausfüllt. Sie muss fest sitzen, aber nicht überstehen.
- Grundierung auftragen (wenn nötig): Bei porösen Untergründen wie Beton oder Kalksandstein: Eine spezielle Silikon-Grundierung erhöht die Haftung. Bei Fliesen nicht nötig.
- Silikon auftragen: Verwenden Sie ein antimykotisches, neutral ausgehärtetes Silikon (z. B. mit „Sanitized“ oder „BioCide“-Zusatz). Schneiden Sie die Düse schräg an - nicht zu groß. Füllen Sie die Fuge gleichmäßig von oben nach unten. Keine Luftblasen!
- Glätten: Wischen Sie mit einem feuchten Finger oder einem speziellen Glättwerkzeug entlang. Die Fuge sollte leicht konkav sein - nicht gewölbt. Das sorgt für bessere Dehnung.
- Trocknen lassen: 24 Stunden ohne Berührung. Kein Wasser, kein Dampf, keine Belastung. Bei niedriger Temperatur oder hoher Luftfeuchtigkeit: 48 Stunden warten.
Professionelle Fliesenleger brauchen für 8-10 Meter Fugenlänge 4-6 Stunden. Sieben Stunden Arbeit, 60 Euro Material - aber 10 Jahre Sicherheit. Wer das spart, zahlt später tausende Euro für Wasserschäden.
Was kommt nach Silikon?
Der Markt verändert sich. Die neueste Generation von Dichtstoffen sind Hybridpolymer-Systeme - sogenannte MS-Polymere. Sie haben eine Dehnbarkeit von bis zu 500 %, sind widerstandsfähiger gegen Reinigungsmittel und haften besser auf vielen Untergründen. Sie sehen aus wie Silikon, aber sie halten länger und sind weniger anfällig für Schimmel.Laut Prognosen des BauMarkt-Instituts wird der Anteil von Silikon in Neubauten bis 2027 von 45 % auf 38 % sinken. MS-Polymere steigen auf 55 %. In Bädern und Küchen werden sie die neue Standardlösung. Silikon bleibt in weniger kritischen Bereichen wie Fensterdichtungen oder Außenfugen - aber nicht mehr im Nassbereich.
Wenn Sie jetzt neu verfugen: Wählen Sie ein Produkt mit „MS-Polymer“ oder „Hybrid“ im Namen. Es kostet etwas mehr - aber es hält länger, und Sie sparen sich die nächste Reparatur.
Was tun, wenn der Handwerker sich weigert?
Sie haben einen Neubau, und nach 18 Monaten reißen die Fugen? Der Fliesenleger sagt: „Das ist normal“? Dann schreiben Sie ihm ein formelles Schreiben. Zitieren Sie die DIN 18540-2:2011-08. Nennen Sie die technischen Fehler: zu schmale Fuge, fehlende Hinterfüllschnur, falsche Fugentiefe. Fügen Sie Fotos bei.Wenn er nicht reagiert: Wenden Sie sich an den Bauherrenverband oder den Schlichtungsbeauftragten. Sie haben ein Recht auf Mängelbeseitigung - und zwar kostenfrei. Die Versicherung zahlt nicht, wenn die Fuge nicht fachgerecht verarbeitet wurde - aber der Handwerker muss es richten.
Was Sie jetzt tun sollten
1. Prüfen: Gehen Sie durch Ihr Bad, Ihre Küche. Schauen Sie sich alle Fugen an - besonders an Ecken, Anschlüssen und unter der Wanne. Sind sie glatt? Oder haben sie Risse, Blasen, Schimmel? 2. Testen: Drücken Sie mit dem Finger leicht auf die Fuge. Wenn sie sich nachgibt wie Gummi - gut. Wenn sie hart und spröde ist - bald reißt sie. 3. Handeln: Wenn Sie Risse finden - nicht abwarten. Reinigen Sie die Fuge, prüfen Sie die Breite. Wenn sie unter 5 mm ist - planen Sie die Neuverfugung. Nicht nächste Woche. Nicht im Sommer. Jetzt.Ein kleiner Riss heute kann ein Wasserschaden morgen sein. Und der kostet nicht nur Geld - er kostet Gesundheit. Schimmel in der Wohnung ist kein ästhetisches Problem. Es ist eine gesundheitliche Gefahr. Und es ist vermeidbar.