Dachdurchsturzsicherung bei Eigenleistung: So arbeiten Sie sicher auf dem Dach

Dachdurchsturzsicherung bei Eigenleistung: So arbeiten Sie sicher auf dem Dach
Apr, 21 2026

Stellen Sie sich vor, Sie wollen nur kurz eine Lichtkuppel reinigen oder eine kleine Reparatur am Flachdach erledigen. Sie legen ein paar stabile Bretter über die Glasfläche, treten darauf - und plötzlich bricht das Holz durch. Ein Sturz aus nur zwei Metern Höhe kann bereits zu schweren Prellungen oder Knochenbrüchen führen. In der Realität passiert genau das oft genug: Etwa 32 % aller Dachunfälle bei Privatpersonen lassen sich auf eine mangelnde Dachdurchsturzsicherung ist eine technische Schutzmaßnahme, die Personen daran hindert, durch nicht tragfähige Dachbauteile wie Lichtkuppeln oder Lichtbänder in die Tiefe zu stürzen zurückführen. Wer Arbeiten in Eigenleistung übernimmt, unterschätzt oft, dass die gesetzlichen Sicherheitsregeln nicht an der privaten Haustür aufhören.

Die rechtliche Lage: Gilt Arbeitsschutz auch für Privatpersonen?

Viele Hausbesitzer glauben, dass sie bei Projekten in Eigenleistung tun und lassen können, was sie wollen. Das ist ein gefährlicher Irrtum. Die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) und die ASR A2.1 (Technische Regel für Arbeitsstätten "Schutz vor Absturz und herabfallenden Gegenständen") setzen klare Standards. Wenn Sie Hilfe von Nachbarn oder Bekannten holen, greift das Arbeitsschutzgesetz vollumfänglich. Das bedeutet: Sie sind in diesem Moment quasi der Arbeitgeber und haften für die Sicherheit Ihrer Helfer.

Die BG BAU (Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft) weist darauf hin, dass Dächer regelmäßig, idealerweise alle fünf Jahre, inspiziert werden müssen. Da viele Eigentümer dies selbst erledigen, wird die Dachdurchsturzsicherung zu einem kritischen Faktor. Besonders gefährlich sind sogenannte Lichtkuppeln, die konstruktiv nicht durchsturzsicher sind. Hier ist laut Gesetz eine Absperrung oder Überdeckung zwingend erforderlich, wenn der Verkehrsweg weniger als zwei Meter vom Gefahrenbereich entfernt ist.

Technische Anforderungen: Wann ist eine Sicherung Pflicht?

Es gibt eine wichtige Faustregel: Ab einer Absturzhöhe von zwei Metern müssen grundsätzlich Schutzvorrichtungen vorhanden sein. Es gibt jedoch eine spezifische Ausnahme für kleinere Projekte. Wenn Ihr Dach eine Neigung von maximal 22,5° hat und die Grundfläche nicht mehr als 50 m² beträgt, können Schutzvorrichtungen unter bestimmten Bedingungen entfallen. Voraussetzung ist jedoch, dass die Person fachlich qualifiziert und körperlich geeignet ist und die Absturzkante deutlich erkennbar bleibt.

Sobald Sie jedoch Lichtkuppeln oder Lichtbänder auf dem Dach haben, gelten strengere Regeln. Diese müssen entweder durch Umwehrungen, Überdeckungen oder Unterspannungen gesichert sein. Professionelle Systeme, wie etwa das HDS-Schutzsystem von Kingspan, erfüllen diese Normen standardmäßig. Bei Eigenleistungen wird oft improvisiert - was oft fatal endet. Ein einfaches Brett ist keine Sicherung, sondern ein Risiko, da es unter dem Körpergewicht (beispielsweise bei 80 kg) einfach brechen kann.

Vergleich: Professionelle Systeme vs. Eigenleistung-Lösungen
Merkmal Professionelle Systeme (z.B. HDS) Häufige Eigenleistungen
Normerfüllung Vollständig nach ASR A2.1 Oft unzureichend / improvisiert
Prüfzyklus Jährliche Prüfung durch Fachkraft Selbstkontrolle (oft vernachlässigt)
Sicherheitsprinzip TOP-Prinzip (Technik zuerst) Fokus auf PSAgA (Gurt)
Kosten Höherer Initialpreis Günstig (Einsteiger-Sets ab 199 €)
Das TOP-Prinzip: Warum der Gurt allein nicht reicht

Das TOP-Prinzip: Warum der Gurt allein nicht reicht

In der Profi-Welt gilt das sogenannte TOP-Prinzip. Es steht für Technische, Organisatorische und Persönliche Maßnahmen. Die Priorität liegt immer bei der Technik. Das bedeutet: Erst wird eine feste Barriere oder eine stabile Abdeckung installiert, die einen Sturz physikalisch unmöglich macht. Erst wenn das baulich absolut nicht machbar ist, kommt die PSAgA (Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz) zum Einsatz.

Privatpersonen machen oft den Fehler, direkt zum Klettergurt zu greifen. Aber Vorsicht: Die BGHM (Berufsgenossenschaft Holz und Metall) warnt eindringlich vor Alleinarbeit beim Einsatz von PSAgA. Wenn Sie in den Gurt stürzen und dort hängen, benötigt Ihr Körper schnell Hilfe, um einen sogenannten Rettungssturz-Syndrom-Zustand zu vermeiden. Ohne eine zweite Person, die sofort eingreifen kann, wird der Sicherheitsgurt im Notfall zur tödlichen Falle.

Schritt-für-Schritt Anleitung für sichere Eigenleistungen

Wenn Sie sich entscheiden, Arbeiten auf dem Dach selbst durchzuführen, gehen Sie systematisch vor. Blind auf das Dach zu steigen, ist das größte Risiko.

  1. Gefährdungsbeurteilung: Gehen Sie das Dach ab. Wo sind die Kanten? Wo sind Lichtkuppeln? Gibt Sie Bereiche, die morsch sind? Notieren Sie diese Gefahrenquellen.
  2. Sicherung der Gefahrenbereiche: Markieren Sie Absturzkanten und decken Sie Lichtkuppeln mit zertifizierten Durchsturzsicherungssystemen ab. Halten Sie einen Mindestabstand von 2 Metern zur Kante ein, sofern keine festen Geländer vorhanden sind.
  3. Sicherer Aufstieg: Verwenden Sie Steigleitern mit Rückenschutz. Beachten Sie, dass einfache Leitern nur bis zu einem Höhenunterschied von maximal 5 Metern zulässig sind.
  4. Licht und Werkzeug: Sorgen Sie für ausreichend Licht. Verkehrswege sollten mindestens 20 Lux und der eigentliche Arbeitsplatz 200 Lux Beleuchtungsstärke haben. Führen Sie Werkzeuge in Taschen mit sich, statt sie in den Händen zu tragen, während Sie steigen.
  5. Unterweisung: Erklären Sie jedem Helfer genau, wo die Gefahren liegen und welche Bereiche nicht betreten werden dürfen.
Praktische Tipps und häufige Fehler

Praktische Tipps und häufige Fehler

Ein klassischer Fehler ist die Vernachlässigung der elektrischen Sicherheit. Wer auf dem Dach bohrt oder sägt, sollte unbedingt einen PRCD (Personal Residual Current Device) nutzen, um Stromschläge bei beschädigten Kabeln zu verhindern. Zudem sollte ein Feuerlöscher in Griffnähe stehen, falls bei Schweiß- oder Schneidarbeiten Brandgefahr besteht.

Ein weiterer Punkt ist die regelmäßige Wartung. Auch eine installierte Dachdurchsturzsicherung altert. UV-Strahlung und Frost machen Kunststoffe spröde. Eine jährliche Prüfung durch eine befähigte Person ist zwar bei Privatpersonen seltener, aber extrem sinnvoll. Die Kosten liegen hierfür meist zwischen 80 und 150 Euro pro Jahr - ein kleiner Preis im Vergleich zu den durchschnittlichen Unfallkosten von über 14.000 Euro pro Fall.

Sind einfache Bretter über Lichtkuppeln als Sicherung zulässig?

Nein, das ist lebensgefährlich und nicht normkonform. Bretter können unter dem Körpergewicht durchbrechen oder wegrutschen. Zulässig sind nur zertifizierte Überdeckungen oder Umwehrungen, die eine definierte Traglast aufweisen und gegen Verrutschen gesichert sind.

Ab welcher Höhe ist eine Absturzsicherung auf dem Dach Pflicht?

Grundsätzlich ist ab einer Absturzhöhe von 2 Metern eine Sicherung erforderlich. Bei Dächern mit einer Neigung bis 22,5° und einer Fläche bis 50 m² gibt es Ausnahmen für besonders unterwiesene Personen, sofern die Kante deutlich erkennbar ist.

Was passiert, wenn ich einen Helfer (z.B. Nachbarn) einsetze?

Sobald Sie Dritte zur Hilfe rufen, greift das Arbeitsschutzgesetz vollumfänglich. Sie übernehmen die Verantwortung für die Sicherheit der Person, was bedeutet, dass Sie eine Gefährdungsbeurteilung erstellen und für die notwendigen Schutzmaßnahmen sorgen müssen.

Darf ich alleine mit einem Sicherheitsgurt (PSAgA) auf das Dach steigen?

Die BGHM warnt explizit vor Alleinarbeit beim Einsatz von PSAgA. Im Falle eines Sturzes könnten Sie hilflos in der Luft hängen, was ohne sofortige Rettungsmaßnahmen lebensgefährlich ist. Arbeiten Sie immer im Team.

Wo finde ich kostenlose Beratung für private Dacharbeiten?

Die DGUV bietet seit Januar 2024 eine kostenlose Hotline unter 0800 009 009 00 an, die rund um die Uhr Sicherheitsberatung für private Dacharbeiten bereitstellt.

Nächste Schritte für Ihre Planung

Bevor Sie die Leiter ausfahren, sollten Sie eine Liste Ihrer Gefahrenpunkte erstellen. Prüfen Sie, ob Ihre Dachneigung unter 22,5° liegt und ob Sie die notwendigen Einsteiger-Sets für Lichtkuppeln erworben haben. Wenn Sie unsicher sind, nutzen Sie die kostenlose Hotline der DGUV oder ziehen Sie einen Fachbetrieb für die erste Installation der Sicherungssysteme hinzu. Sicherheit auf dem Dach ist kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, dass Ihr Projekt nicht in einer Tragödie endet.